Etwas aus den Yoga Schriften

Eine der historischen Schriften des Yogas ist die Hatha Yoga Pradipika. Sie wurde in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhundert von Yogi Swatmarama geschrieben und ist wohl der wichtigste klassische Text über die Praktiken des körperorientierten Yogas, des Hatha Yogas.

Wenn man sich den Text anschaut, dann findet man eine Sprache, die für uns heute etwas absonderlich klingt. Eben aus einer anderen Zeit. Heute in englischer und auch deutscher Sprache verfügbare Übersetzungen von anerkannten Yoga Meistern werden oft als kommentierte Exemplare angeboten, die die alten Schriften in einen aktuelleren Kontext setzen.

In Kapitel 1 – Verhaltensregeln und Asanas – heißt es zum Beispiel in Vers 12:

„Der Praktizierende von Hatha Yoga sollte alleine in einer kleinen Matha oder Klause leben, die auf einem Platz liegt, der frei ist von Gestein, Wasser und Feuer – in der Reichweite einer Bogenlänge, und in einem fruchtbaren Landstück, von einem tugendhaften König regiert, wo er nicht gestört wird.“

Über den König habe ich mich erst köstlich amüsiert. Aber dann hat mir eine bekannte ältere Yogini erzählt, dass sie vor dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Öffnung und Neuordnung oft in den ehemaligen Staaten des Ostblock unterwegs war. Yoga wurden dort mit Religiosität und Mystizismus in Verbindung gemacht und bis in die Achtzigerjahre hinein geächtet und tabuisiert. Yoga Stunden wurden unter großen Risiken geheim und konspirativ geplant und durchgeführt.

Mit dieser Erkenntnis macht die Textpassage aus der Pradipika für mich Sinn und es wächst ein Gefühl großer Dankbarkeit in mir. Dankbar dafür, dass ich in einem freien Land geboren bin und darin leben darf. Dankbar dafür, dass wir von Unwettern und anderen Katastrophen weitestgehend verschont bleiben. Dankbar für eine Ausbildung meiner Wahl. Dankbar für Nahrung in Hülle und Fülle. Dankbar für ein gutes und funktionierendes Gesundheitssystem. Dankbar dafür, dass ich meine Meinung frei äußern darf, auch wenn sie nicht dem Mainsteam folgt. Dankbar, dass ich meinen „König“ selber wählen darf. Dankbar für eine Gesellschaft mit gemeinsamen Grundwerten wie Toleranz, Wertschätzung und Akzeptanz.

Dankbar, dass ich frei und ohne Einschränkung Yoga praktizieren, lehren und leben kann, egal ob der König nun aus den Reihen der CDU oder einer anderen politischen Partei gewählt wird.