Mit dem Herzen

Samstags fahre ich manchmal mit dem Rad auf den Markt. Ich liebe es, früh unterwegs zu sein. Wenige Menschen sind auf den Beinen und es herrscht eine besondere Stille, bevor sich die Straßen langsam füllen.

Oft treffe ich dann oft auf einen jungen Mann, der den "Straßenfeger" verkauft. Die Obdachlosen-Zeitung. Sie kostet wenig und der Verkäufer verdient sich durch den Verkauf etwas Geld für seinen Lebensunterhalt. Ein Stück Teilhabe also am ganz normalen Leben. Also kaufe ich ein Exemplar.

In der Zeitung habe ich dann einen Artikel gelesen, der mich doch sehr berührt hat. Eine kleine Geschichte, die ich hier mit meinen Worten nacherzählen möchte. 


Die Rose

Gemeinsam mit einer jungen Französin kam Rilke jeden Morgen an einem Platz vorbei, an dem eine Bettlerin saß und um Geld anhielt. Ohne je zu einem Spender aufzusehen, ohne ein anderes Zeichen des Bittens oder des Dankens zu äußern, als nur die Hand auszustrecken, saß sie stets am selben Ort. Rilke gab nie etwas, seine Begleiterin häufig ein Geldstück.

Eines Tages fragte die Französin verwundert nach dem Grund, warum er nie etwas gäbe, und Rilke gab zur Antwort:"Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand!"

Einige Tage später brachte Rilke eine soeben aufgeblühte Rose mit, legt sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte schon weiter gehen. Da geschah das Unerwartete. Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber an, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsst sie und ging mit der Rose davon.

Eine Woche lang war die Alte verschwunden. Der Platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Vergeblich suchte die Begleiterin eine Antwort darauf, wer wohl jetzt der Bettlerin ein Almosen gäbe?

Nach 8 Tagen saß sie plötzlich wieder an ihrem gewohnten Platz. Sie war stumm wie vorher, wiederum ihre Bedürftigkeit nur zeigend durch die ausgestreckte Hand.

"Aber wovon hat sie wohl all die Tage gelebt, wo sie nichts erhielt?", fragte die Französin. Und Rilke antwortete:"Von meiner Rose!"


Poetisch, schön. Natürlich brauchen wir all die grundlegenden Dinge wie Nahrung, Kleidung und Wohnraum. Zumindest um zu existieren. Aber seither stelle ich mir die Frage, was ich wirklich brauche, was mir für mein Leben essentiell erscheint?

Ich brauche Respekt und Wertschätzung, Zugewandtheit und Liebe. Doch werde ich diese Dinge nur bekommen, wenn ich Respekt und Wertschätzung, Zugewandtheit und Liebe einbringe. Sie aussende, ohne an die Früchte meines Handelns zu denken..

Das liebevoll Handeln ist längst in uns angelegt. Es ist natürlich vorhanden, es war schon immer vorhanden, auch wenn ich es oft nicht bemerkt oder weggedrückt habe.

Yoga kann mich leiten, dieses mehr und mehr zu fühlen und als meine wahre Natur zu erkennen. Mit dem "Mehr-und-Mehr-Erkennen" gelingt es mir, mehr und mehr liebevoll zu denken, zu reden und zu handeln.

just YOGA   .   peer stephan baldamus   .   rüdesheimer-str 7   .   65197 wiesbaden   .   0178 78 304 10   .   0611 4450 4935   .   peer.baldamus(at)crisper-yoga(dot)de

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